Liebe Frau Dxxxxxx,
über Umwege erreicht mich Ihre Mail vom 20. November. Ich danke
Ihnen und Ihrem Ehemann ganz herzlich für Ihr Interesse an unserer
Arbeit und für Ihre Hilfe. Der nachfolgende Rundbrief gibt einen
Einblick in die Entwicklungen unserer Projekte.
Mit freundlichen Grüssen aus Cebu - Heinz Kulüke SVD
P. Heinz Kulüke SVD -
University of San Carlos - 6000 Cebu City - PHILIPPINEN
Dezember
2010
Liebe
Frau und lieber Herr Dxxxxxxxx,
das Jahr 2010
neigt sich dem Ende. Dankbar versucht der nachfolgende Rundbrief,
einen Einblick in die Weiterentwicklung der von vielen Menschen so
grosszügig unterstützten Projekte zu geben.
Die Mülldeponien sind
unsere bleibende Sorge.
Immer wieder finden sich dort neue Familien ein, die auf
vielfältige Weise Hilfe benötigen. Und dies vor allem bei der
Schulung der Kinder, denn "der Ausweg aus Armut und Elend ist
der Bildungsweg".
20.
Februar 2010. Samstagabend. Vorabendgottesdienst auf der Mülldeponie
in Mandaue. Am Ende des Gottesdienstes bitte ich die Kinder, das
Dankgebet frei zu formulieren. Ein achtjähriges Mädchen betet:
"Lieber Gott, ich danke Dir für den vielen Müll, denn wenn es
den Müll nicht gäbe, hätten wir keine Arbeit und auch nichts zu
Essen. Ganz herzlichen Dank!" . Das Mädchen weiss, wovon es
spricht. Schon im Alter von nur sechs Jahren hat sie gelernt, auf
der stinkenden und rauchenden Müllhalde nach wiederverwertbaren und
verkaufbaren Materialien zu suchen. So trägt sie ihren Teil zum
Lebensunterhalt der Familie bei. Erst seit einigen Monaten geht sie
in die Schule. Jedes Wochenende und an schulfreien Tagen arbeitet
sie weiterhin auf dem Müll .
17. Juni 2010: Besuch auf der Mülldeponie
Cebu: Der Buntstift wirkt viel zu gross in der kleinen Hand des
mageren siebenjährigen Jungen in Schuluniform. Das weisse Blatt
Papier vor ihm, mit einigen Buchstaben "D" und
"L" in Rot, erscheint als scharfer Kontrast zu dem
dreckigen Fussboden der Hütte, notdürftig aus Abfallmaterialien
von der Mülldeponie erstellt. . Immer mehr "Ds" und
"Ls" aus der Hand des Jungen füllen das Blatt. . Es
kostet ihm Kraft, sein Gesicht ist ernst, Schweissperlen auf der
Stirn, hin und wieder ein freudiges Lächeln, wenn wieder eine Zeile
voll ist. . Umgeben von Mutter, Vater und Grossmutter . Sie
beobachten das Geschehen mit stolzem Blick. . Ein Kind lernt
schreiben . ein besonderes Kind, aufgewachsen auf einer Mülldeponie,
häufig hungernd, krank und dem Tod nahe. . Die Eltern haben die
Grundschule nicht fertig gemacht. . Die Grossmutter musste schon
nach dem ersten Jahr abbrechen. Sie kann selber nicht schreiben und
bestaunt nun wohlwollend ihr Enkelkind. . Ich freue mich mit der
ganzen Familie. Ein wunderschönes Bild. . Ein Kind umgeben von
absoluter Armut, dennoch ein Licht im Dunkeln, Hoffnungsträger
einer besseren Zukunft .
Immer mehr Kinder der 4 Mülldeponien Cebus,
auf denen weit über 5.500 Menschen leben, sind in den letzten
Jahren eingeschult worden, haben nach dem Kindergarten die
Grundschule fertig gemacht und sind heute in der Mittelschule oder
haben schon mit der Berufsausbildung begonnen. Ob sie später Arbeit
finden, in der Zeit der Wirtschaftskrise, in der täglich immer mehr
andere ihre Arbeit verlieren . all das ist unsicher, dennoch
eingeschult zu sein, hat die Kinder und deren Familien verändert.
Sie haben ihre Würde wieder entdeckt. Und das ist wichtig gerade für
"Müllmenschen", die nicht nur auf einer Müllhalde leben,
sondern auch häufig wie Müll behandelt werden. All das muss sich
ändern. Dabei spielt die Schulung dieser Kinder eine so wichtige
Rolle. Es ist sehr schön, bei den Besuchen der Mülldeponien so
viele Kinder nachmittags in Schuluniformen zu sehen, was ganz
einfach heisst, dass sie eingeschult sind und sich so auf eine
bessere Zukunft vorbereiten.
Ohne die grosszügige
Hilfe von Menschen in der Heimat wäre all das nicht möglich. Die
Menschen von den Deponien wissen das sehr zu schätzen. Es kostet 50
Euro ein Kind ein Jahr lang in der Grundschule zu fördern. In der
Mittelschule sind es 90 Euro. Ausgaben enstehen für
Schulmaterialien (Hefte, Stifte, Bücher), Schuluniformen, Schuhe,
Rucksäcke, Transport und Nahrung. Alljährlich bleibt die
Herausforderung, bis zu 1.500 Kinder der Müllsammlerfamilien aber
auch der in anderen Slums lebenden Familien zu fördern. 43 Kindergärten
bereiten über 3.000 Kinder auf die Grundschule vor. 40-70 jungen
Leuten wird zudem alljährlich die Berufsausbildung finanziert.
8. Juli 2010: Es lohnt sich, in Bildung zu
investieren. . Die Sekretärin reicht mir eine Visitenkarte. Eine
junge Rechtsanwältin will mich sprechen. Janessa Blanco, Rechtsanwältin,
steht auf der Karte. . Ich kenne Janessa seit vielen Jahren. Sie
konnte von unserem Stipendienprogramm profitieren, hat an unserer
San Carlos Uni Rechtswissenschaften studiert und soeben ihre
Staatsprüfung als Rechtsanwältin erfolgreich bestanden. Bereits in
der Mittelschule hat Janessa dabei geholfen, die Manobos zu
organisieren, ein Stamm in unseren Pfarreien auf der Insel Mindanao,
etwa 80.000 Menschen. Viele der Manobos haben damals ihr Land zu
einem Spottpreis an multinationale Unternehmen verkauft und sind
heute landlos. Janessa empfindet das als massives Unrecht. Sie will
nun als Rechtsanwältin gerade diesen Menschen helfen.
Der
Menschenhandel und die Ausbeutung junger Mädchen in den zahlreichen
Rotlichtmilieus der Insel Cebu sind eine weitere
Herausforderung. Immer mehr Menschen sind HIV positiv.
"Mein
Name ist Noemi", stellt sich das nur etwa fünfzehnjährige Mädchen
bei unserem Besuch des Nachtclubs vor einigen Jahren vor. Als die
Anwerber kommen, lebt sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in
einem der Elendsviertel von Cebu. "Es fehlt ganz einfach an
allem", erzählt Noemi. Der Vater ist durch einen Unfall
schwerstbehindert. Die Mutter versucht die fünfköpfige Familie als
Putzfrau über Wasser zu halten. Häufig reichen die geringen Einkünfte
nicht einmal für die drei täglichen Mahlzeiten. Den Schulbesuch
haben Noemi und ihre Geschwister schon länger einstellen müssen. .
Die Anwerber versprechen Noemi Arbeit in einem Restaurant. Die
Mutter stimmt zu, weil sie die zusätzlichen Einnahmen dringend für
das Überleben der Familie braucht. Doch sehr bald kommt das böse
Erwachen. Anstelle eines Restaurants findet sich Noemi in einem
Nachtclub wieder. So gerne sie es getan hätte, sie kann ganz
einfach nicht fliehen, berichtet sie mit Tränen in den Augen. Sie
erzählt davon, wie sie als Tänzerin arbeitet und dann immer wieder
an Kunden verkauft wird. Häufig wird sie missbraucht. .
Geschlechtskrankheiten, Drogen, noch nicht einmal sechzehn ist sie
das erste Mal schwanger. . Noemi ist dankbar, dass jemand ihr zuhört
. Zuflucht findet sie zunächst in unserem Drop-In Zentrum. Hier
beginnt ein neues Leben, das sie sehr bald in unserem REHA Zentrum
fortsetzt. Immer mehr fängt sie an zu verstehen, wie sehr sie
ausgenutzt worden ist. Nur langsam heilen die tiefen Wunden massiver
Ausbeutung. Noemi träumt von einem besseren Leben für sich und
ihre Familie. Sie macht die Mitteschule fertig und beginnt dann eine
Berufsausbildung. Ihr grosser Traum ist, eines Tages als Stewardess
zu arbeiten. Das Studium schliesst Noemi mit Erfolg ab. Darüber ist
die nun 22 jährige überglücklich. Und noch mehr. Noch während
des Studiums arbeitet sie als Freiwillige in unseren Aufklärungsprojekten
mit. Sie hat die anderen Mädchen in der Szene nicht vergessen. Sie
will helfen, andere Mädchen vor den Anwerbern zu warnen, um sie vor
dem gleichen Schicksal zu bewahren. .
Das Drop-In
Zentrum für die Mädchen aus den Rotlichtmilieus wird alljährlich
von bis zu 700 Mädchen besucht. Im Rehabilitierungszentrum
sind bereits weit über 350 junge Mädchen versorgt und auf ein
neues Leben vorbereitet worden. Ein anderes Programm hilft bei der Wiedereingliederung
der Mädchen in die Gesellschaft. Ein Cinemobile dient der
Vorbeugung und versucht, junge Menschen vor allem auf der Insel
Mindanao vor den Menschenhändlern zu warnen.
Auch die medizinische
Versorgung der Menschen in den Slums spielt weiterhin eine
wichtige Rolle. Dank der Hilfe deutscher Ärzte werden alljährlich
über 30.000 Menschen in unseren medizinischen Programmen versorgt.
Die meisten davon sind Kinder, die besonders unter den
Lebensbedingungen in den Slums leiden.
Wichtig ist nach
wie vor zudem die Arbeit mit den Strassenmenschen. Das vor
etwas über einem Jahr eröffnete "Haus des Guten
Samariters" wird täglich von 30 bis 50 älteren
Obdachlosen besucht. Zudem werden dort wöchentlich etwa 100
Strassenkinder betreut, die in Gruppen von 25 Kindern kommen. Zum
Angebot gehören Nahrung, Medizin, Duschen, Kleiderwaschen,
Beratungsgespräche und Unterricht.
Auch die Haubauprojekte
sind wichtig. Drei weitere Hausbauprojekte laufen auf Hochtouren und
werden etwa 700 Familien in den kommenden Jahren ein neues Zuhause
bieten. Insgesamt sind es in den vergangenen Jahren bereits acht
Hausbauprojekte, die die Lebensbedingungen der Leute aus den Slums
drastisch verbessern.
Zu all diesen
Hilfsprojekten kommt dann noch die Unterstützung notleidender
Familien bei Grossbränden und Naturkatastrophen. Vor allem geht
es dabei um die Versorgung mit Nahrung, Medizin, Kleidung und Hilfe
beim Bau einer neuen Unterkunft.
All diese
Projekte wären ohne die grosszügige Hilfe von vielen
Einzelspendern und auch Agenturen nicht möglich. Ich darf den Dank
der uns anvertrauten Menschen weiterleiten. Was häufig als Tropfen
auf den heissen Stein erscheint, ist für immer mehr Menschen ganz
einfach überlebenswichtig. Barmherzigkeit wird glaubhaft erfahrbar
im konkreten Handeln. Sie bedeutet bleibende Hoffnung in der
Situation der Not, Menschwerdung auch im Andenken an die
Menschwerdung Gottes.
Am
Ende der Wunsch fűr eine gute Advents- und Weihnachtszeit sowie
ein neues Jahr, das Frieden und lebensverändernde Entwicklung
bringt. Mit herzlichen Grűssen
Heinz
Kulüke SVD